20130122

Ich sitze morgens um halb Elf im Bus und warte darauf, dass ich endlich aussteigen kann. Der Bus ist mir zu voll, selbst jetzt, und ich komme mir bedrängt und beobachtet vor, obwohl in meinem näheren Umkreis niemand Patz genommen hat. Ich bin erleichtert darüber aber ebenfalls auch gekränkt. Wieso will sich denn niemand in meine Nähe setzen? Bin ich so furchtbar? Meine Gedanken werden unterbrochen durch das anhalten des Wagens und das Einsteigen einer Gruppe Jugendlicher, die augenscheinlich von einer langen Party nach Hause oder wo auch immer hin fahren. Nein, bitte, bitte, setzt euch nicht her, bitte nicht! Meine Gebete werden nicht erhört, die Jungs setzen sich quer vor mich und genau neben mich, drücken sich nebeneinander auf die Sitze und mich näher ans Fenster. Der Arm eines Jungen und meiner berühren sich und mir läuft ein Schauer des Ekels über den Rücken. Ich versuche, weiter gegen die Scheibe zu rücken, weit weg von den Menschen in meiner genauen Umgebung, versuche förmlich durch die Scheibe zu kriechen und mich zu verstecken. Doch es kappt nicht. Immerhin schaffe ich es, die Berührung zu unterbinden. Fass mich ja nicht an, das ist widerlich. Körperkontakt konnte ich noch nie ausstehen, vor allem nicht bei Menschen, die ich nicht kenne. Der Busfahrer sagt die nächste Haltestelle an und ich drücke auf den Stop-Knopf des Busses und warte angespannt auf das quietschen der Reifen, dass das Anhalten des Fahrzeuges signalisieren und mich von meinen Qualen erlösen soll. Ich stelle mich an den Eingang des Busses und habe das schreckliche Gefühl, angestarrt zu werden. Auf einmal leuchtet mein Handy auf. Ich ziehe es aus der Tasche und schaue aufs Display.  Wo bleibst du? ich tippe kurz meine Antwort in mein Handy ein - bin gerade aus dem Bus gestiegen, wir treffen uns an der Ecke und stecke es zurück in meine Jackentasche. Ich steige aus, zünde mir eine Zigarette an und inhaliere den rauch. Ein ums andere Mal scheint mein Kopf frei zu sein, ich bleibe stehen und lehne mich mit dem Rücken an die Wand, setze mich auf den eiskalten Boden und rauche die Zigarette auf. So lange muss sie halt noch warten. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir erst viertel vor Elf haben. Ich drücke eine Taste und rufe July an. "Hi, ich bins. Fee fragt, wo wir bleiben. Ich sitze noch hier an der Bushaltestelle, bist du gleich hier?" - "Ja, ich bin sofort da." Ich lege auf, ziehe ein letztes Mal an meiner Kippe und schnippe sie weg. Dann gehe ich zur Ecke und warte auf Fee. Sie kommt mit dem Kuchen, den wir am Abend zuvor für Estelle gebacken haben. July taucht auch auf und wir gehen hinüber zu Estelle. Ich lasse den Geburtstag über mich ergehen, die fremden Menschen, die lauten Gespräche, die Einsamkeit, die mein Herz schnell erfasst. Abends gehen July und ich zu mir nach Hause, ich sehe meine Mutter in der Küche sitzen und werde sofort mit den liebevollen Worten begrüßt "Hallo, mein Schatz, das hattest du heute an? Das sieht wirklich furchtbar aus! Außerdem siehst du darin total fett aus!" Ich bedanke mich für die herzlichen Worte und stapfe mit July die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Stark hoffend, dass diese Nacht nicht ebenfalls ein totaler Albtraum wird.

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